Es dauerte ein paar Jahre bis Walter de Gruyter seine Leidenschaft zum Beruf machte. Er wurde 1862 in Duisburg-Ruhrort geboren und absolvierte zunächst eine kaufmännische Ausbildung. Anschließend studierte er in Berlin, Bonn und Leipzig Germanistik, wurde schließlich auf dem Gebiet der mittelhochdeutschen Literatur über „Das deutsche Tagelied“ promoviert. Nach dem Studium kehrte er zunächst nach Ruhrort zurück. Zusammen mit seinem Bruder leitete er den elterlichen Kohlengroßhandel, zu dem unter anderem auch die Beteiligung an einer Brikettfabrik und einer Kohlezeche gehörte.

Doch der de-Gruytersche Kohlehandel konnte gegen die Konzentrationsprozesse in der rheinischen und westfälischen Kohleproduktion nicht bestehen. Die Firma wurde liquidiert, und Walter de Gruyter kehrte nach Berlin zurück. Dort widmete er sich fortan der Wissenschaft und erfüllte sich seinen „Lieblingswunsch“, wie er es in einem Brief an einen Freund formulierte: Walter de Gruyter wurde Verleger. Er lernte das Buchgeschäft von Grund auf. Im Oktober 1895 begann er zunächst ein Volontariat im Georg Reimer Verlag; 15 Monate später kaufte er diesen. Ab 1897 war Walter de Gruyter – im Alter von nur 35 Jahren – Eigentümer jenes angesehenen Traditionsunternehmens, das als „Verlag der Romantik“ galt und unter anderem die Schriften von Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schleiermacher oder Heinrich von Kleist veröffentlicht hatte.

Dieser liberalen Tradition fühlte sich Walter der Gruyter von Beginn an verbunden. Weitere Verlage kamen hinzu, teils durch Kauf, teils durch Teilhaberschaften. Die Wurzeln der Vorläuferverlage reichen bis in das Jahr 1749 zurück, als Friedrich II. von Preußen der Königlichen Realschule in Berlin das Privileg zur Eröffnung einer Buchhandlung erteilte und das Recht „gute und nützliche Bücher (…) drucken zu lassen“. Aber erst Walter de Gruyter formte im Zusammenschluss der Verlage Reimer, Göschen, Guttentag, Trübner und Veit einen erfolgreichen Wissenschaftsverlag.

Gezielt hatte der junge Verleger nach Verlagen gesucht, die sich programmatisch ergänzten. Schritt für Schritt ging Walter de Gruyter vor. Moderne Betriebswirte würden heute wohl von einer horizontalen Diversifizierung sprechen. Zunächst bildeten die noch selbständigen Verlage die „Vereinigung Wissenschaftlicher Verleger“; 1923 wurde daraus der Verlag Walter der Gruyter & Co, und aus den einst selbständigen Verlagen nun Fachabteilungen. Der Verlag Walter de Gruyter entwickelte sich zu einem wissenschaftlichen Universalverlag, der unter anderem Philosophie, Theologie und Germanistik, Medizin, Mathematik und Technik, Rechts- und Staatswissenschaften sowie die Naturwissenschaften in seinem Programm führte. Nach dem Ersten Weltkrieg zählte er zu den größten und modernsten Verlagsunternehmen in Europa. Klassiker, die noch heute das Portfolio des De Gruyter Verlages schmücken, erschienen schon damals in der Genthiner Straße in Berlin-Tiergarten: Der Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch der Medizin, das Crelle-Journal für die reine und angewandte Mathematik oder Kluges Etymologisches Wörterbuch. Doch Walter de Gruyter war nicht nur ein Büchernarr, er war auch ein gesellschaftspolitisch engagierter Mensch: So unterstützte er freisinnige Politiker, veröffentlichte u.a. die Schriften von Friedrich Naumann und war ab 1904 im Vorstand des „Vereins zur Abwehr Antisemitischer Umtriebe“. Nach dem Ersten Weltkrieg jedoch wandte er sich vom Liberalismus ab und der Deutschnationalen Volkspartei zu. Ein schwerer persönlicher Einschnitt war der Verlust seiner zwei Söhne, die im Krieg gefallen waren.

Als Walter de Gruyter 1923 überraschend starb, hinterließ er ein solides Familienunternehmen; er hatte zugleich die Grundlage für eine Internationalisierung geschaffen, der sich nun seine Nachfolger widmeten. Mittlerweile befindet sich der Verlag De Gruyter in der dritten bis fünften Generation im Familienbesitz. 2006, und damit 109 Jahre nachdem Walter de Gruyter Verleger geworden war, gründeten drei seiner Enkelinnen, weitere Gesellschafter sowie der Verlag gemeinsam die gemeinnützige „Walter de Gruyter Stiftung für Wissenschaft und Forschung“, um an den leidenschaftlichen Verleger, Verlagsgründer und Wissenschaftsmäzen zu erinnern.